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Mehr Geld für Freiwilligendienste


Der Deutsche Bundestag hat mehrheitlich entschieden. Ab 1. Januar 2011 sollen Wehr- und Zivildienst verkürzt werden. Die staatlichen Pflichtdienste sind damit einem zu einfachen rechnerischen Kompromiss zum Opfer gefallen. Die Unionsfraktionen wollten die Wehrpflicht in der Dauer von neun Monaten erhalten, die FDP wollte sie abschaffen. Herausgekommen sind im Koalitionsvertrag eine Dauer von sechs Monaten und ein fragwürdiges Modell der "freiwilligen Verlängerung" des Zivildienstes. Das nutzt niemandem und ist kein durchdachtes Konzept.

Es wäre besser gewesen, sich grundsätzlich Gedanken über die sicherheits- und verteidigungspolitischen Notwendigkeiten der Zukunft zu machen. Nur davon abgeleitet existiert der Zivildienst. Denn Kirche und Diakonie bieten den zivilen Ersatzdienst an, solange es die Wehrpflicht gibt. Der Zivildienst ist inzwischen zu einem gesellschaftlich anerkannten und geschätzten sozialen Friedensdienst geworden. Durch die Erfahrungen in der gemeinwohlorientierten Arbeit ist der Zivildienst für die jungen Männer zu einem Ort des sozialen Lernens geworden.

Die Diakonie hat schon Ende 2009 gewarnt, dass eine Verkürzung auf sechs Monate besonders in den vielen Einsatzbereichen, wo der unmittelbare Dienst am Menschen im Mittelpunkt steht, schwieriger wird. Zwar ersetzen Zivildienstplätze keine regulären Arbeitsplätze und dürfen dies auch künftig nicht. Aber der "Zivi" in der Einrichtung ist eine soziale Bereicherung für die betreuten Menschen, für die jungen Männer und für die Träger.

In der Diakonie als größtem Anbieter von Zivildienst in Deutschland mit zurzeit ca. 12.000 Zivildienstleistenden im Einsatz sind etwa zwei Drittel in Bereichen tätig, wo sie unmittelbaren Kontakt zu alten und jungen, pflegebedürftigen und behinderten Menschen haben. Da ist gute Einarbeitung notwendig und Kontinuität wichtig. Auch wenn es viele verschiedene Modelle in der Diakonie gibt und darunter auch kürzere soziale Dienste, wird es schwieriger, für ein halbes Jahr zu planen. Für den Bereich der Unfallhilfe mit ihren Rettungssanitätern wird dies nahezu unmöglich.

Die aktuelle Debatte, in der der Bundesverteidigungsminister die Frage angestoßen hat, ob die Wehrpflicht ganz abgeschafft werden soll, und die andauernde Ungerechtigkeit bei den Einberufungen lassen weiter daran zweifeln, ob das nun beschlossene Modell von sechs Monaten Wehr- und Zivildienst Zukunft haben wird. Bundeswehrexperten kritisierten das "hastige Verfahren", Vertreter des Zivildienstes die Verunsicherung und Planungsunsicherheit für die jungen Männer und die Einrichtungen.

Zudem wirft das Konzept der "freiwilligen Verlängerung" des Zivildienstes Fragen auf. Zunächst einmal wirkt es pragmatisch und wird auch in vielen Fällen genutzt werden. Dabei ist zu beachten, dass der Zivildienstleistende erst zwei Monate nach Beginn des Zivildienstes entscheiden muss, ob er verlängern will. Hier darf kein Druck vor Beginn ausgeübt werden ? was jedoch schwer zu kontrollieren sein wird.

Die Diakonie hat deshalb in dieser Debatte eindeutig gesagt: Die Zukunft liegt in den Freiwilligendiensten. Unser Vorschlag, den Zivildienst um einen sozialen Freiwilligendienst verlängern zu können, ist von der Politik nicht aufgegriffen worden. Dabei kommt es jetzt darauf an, die Weichen für einen Ausbau der Freiwilligendienste zu stellen. Dafür gibt es gute Gründe. Zivile und soziale Dienste sind auf der Grundlage der Freiwilligkeit besser zu gestalten. Viele junge Männer und Frauen möchten sich engagieren und können in einem sozialen Jahr oder Halbjahr Erfahrungen machen, die ihnen oft später bei der Berufswahl neue Perspektiven ermöglichen. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels ist jede Chance, junge Menschen für Berufe im Gesundheits- und Sozialbereich zu interessieren, ein zukunftsweisender Ansatz.

Schon heute gibt es deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber auf die Plätze für das freiwillige soziale Jahr, das auch in den Bereichen Ökologie, Kultur und Sport geleistet werden kann. Das ist eine großartige Chance. Junge Menschen wollen sich engagieren, und der Staat und freie Träger müssen ihnen die Möglichkeit dazu geben.

Deshalb müssen jetzt die Weichen gestellt werden, dass die staatliche Förderung pro Platz erhöht wird. Heute hat ein Träger etwa dreimal so hohe Kosten für einen Jugendlichen im FSJ als für einen Zivildienstleistenden. Wir brauchen jetzt eine klare finanzielle Umverteilung von den Pflichtdiensten zum Ausbau der Freiwilligendienste. Mit der Verkürzung des Zivildienstes werden Gelder frei, die in den Freiwilligendiensten gut investiert sind.

Der vorliegende Kompromiss für einen sechsmonatigen Wehr- und Zivildienst wird nicht lange halten. Jetzt, lohnt es sich, langfristig und mit Mut neue Konzepte zu denken. Im 21. Jahrhundert wird die Herausforderung sein, junge Menschen für soziales Engagement zu gewinnen, um eine Kultur des Miteinanders lernen und leben zu können.

Kerstin Griese ist Mitglied des Vorstandes des Diakonischen Werkes der EKD.

aus epd sozial Nr. 26 vom 2. Juli 2010